Der Fisch auf der Wäscheleine

Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue – dieser Kontrast zwischen Alt und Neu, Modern und Tradition und das quasi Tür an Tür.

Hier dreht die Zeit sich gefühlt schneller als in anderen Teilen der Erde. Das liegt vielleicht daran, dass vieles spontaner ist, zügiger, schneller… Angefangen bei den Tests, die wir zurzeit fast täglich machen. Manchmal haben wir keine Stunde Vorlauf – was nicht schlimm ist, denn wir sind während des Lockdowns ja eh daheim…. Aber auch außerhalb der Corona-Zeit. Friseurtermin: am gleichen Tag. Termin beim Arzt: geht es denn morgen am Vormittag? Massage: Jetzt? Nein, leider erst in einer halben Stunde. Daran kann man sich gewöhnen. Das hat auch seine Nachteile. Die Lieferanten, die Essen bringen bekommen Strafpunkte, wenn sie nur eine Minuten später sind , als angekündigt. Das wird vom Gehalt abgezogen. Berufliche Termine werden spontan umgelegt, wenn man meint, ein anderer Kontakt sei wichtiger… Wenn man im Urlaub war, kann es sein, dass die Straßenführung sich in der Woche verändert hat, eine Hochstraße gebaut wurde, ein Tunnel quasi aus dem Nichts erscheint. 

Höher, schneller, weiter…. Und dann kommt man in Viertel, wo die Zeit einfach stehen geblieben ist. So auch im Fischerdörfchen, ca. 15 Minuten von uns entfernt -offiziell gehört es noch zu Shanghai.

Ich war vor etwa über einem Jahr schon mal hier gewesen. Damals war aber der Tempel in der Hochzeit von Corona geschlossen. Diesmal waren die Türen offen.

Auch, wenn sich viele Tempel für mich ähneln und ich die Buddhas nicht wirklich voneinander unterscheiden kann oder deren Bedeutungen weiß, liebe ich die Orte der Stille. Eine gewisse Harmonie liegt über den Arealen.

Im hinteren Eck des Hofes haben wir (diesmal war ich mit meiner Fotografie-Freundin Carla unterwegs) Häuschen aus Pappe gefunden, die uns beide an unsere Kindheit erinnert haben. Ich hatte als sieben oder achtjähriges Mädchen einmal ein Papphäuschen von einer Bausparkasse bekommen. Vermutlich ein Quadratmeter groß, aber mit Türe und Fernstern… etwas kleiner als die auf dem Tempelhof. 

Bei genauem Hinsehen waren Hunde- oder Katzenbilder, eine Art „Empfangsdame“ und ein Koch aufgeklebt. An der Seite auch die typischen Klimaanlagen-Boxen. Wir konnten uns keinen Reim drauf machen. Carla hat des Rätsels Lösung ein paar Tage später gefunden – bei einer Beerdigung.

Bei der Beerdigung verbrennt die Familie des Verstorbenen Räucherpapier, um sicherzustellen, dass dieser eine sichere Reise in die Unterwelt hat. Gefälschtes Papiergeld und Miniaturgegenstände wie Autos, Häuser und Fernseher werden verbrannt. Diese Gegenstände werden manchmal mit den Interessen des geliebten Menschen in Verbindung gebracht und sollen ihnen bis ins Jenseits folgen. Auf diese Weise haben sie alles, was sie brauchen, wenn sie in die Geisterwelt eintreten.  Und wer will dort schon schwitzen oder arbeiten?

Noch ungeklärt bisher ist die Frage: wer ist „Er“ (auf dem unteren Schild)? Und warum will man dahin?

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Tempel ist das Fischerdörfchen, das eindeutig als solches erkennbar war.

An diesem Tag waren die Hauptattraktionen ein Bagger, der Arbeiten im Hafenbecken ausführte und wir.

Alle machten gegenseitig Fotos. So sind die Dorfbewohner in meinem Blog und wir auf ihrem Handy.

  1. Bei dem ganzen Gewusel all überall tun solche Ruheorte einfach gut.
    Die Schnelligkeit der Termine ist schon beeindruckend wenn man den Hintergrund nicht kennt.
    Die Fotos sind wieder richtig klasse, speziell die Portraits. Da würde ich gerne Gedanken lesen können.

    Freu mich schon auf’s nächste Mal
    Grüßle in die Ferne

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  2. Sehr interessant. EinOrt der Ruhe und der Besinnung! Ich freue mich sehr über Deine Beiträge.Mach weiter so,Liebe Grüße Liesel.

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