Zugegeben, ich war schon ein bisschen aufgeregt. Gestern Abend kam die Nachricht: Wir können von 6 bis 13 Uhr raus. Eine Person pro Haushalt darf den Compound verlassen. Aber was machen mit der gewonnenen Teil-Freiheit? Wohin gehen? Zwei Supermärkte sind erreichbar, dafür kann man einen Termin machen, aber unser Kühlschrank ist Dank der Regierungspakete und der dann doch funktionierenden Lieferungen noch mit Eiern, Pak Choi und Rettich gefüllt. Treffen kann man keinen, da die umliegenden Compounds an anderen Tagen geöffnet werden und Cafés oder Restaurants eh noch geschlossen sind. Also war Sieger der Premiere Quinley, der schwanzwedelnd seinen Weg erschnüffelte.

Wie sieht es wohl draußen aus? Ein knappes Vierteljahr ist es nun her, dass ich nicht mehr auf der Straße war. Was passiert, wenn ich jemandem begegne, der positiv ist. Bin ich dann direkt „Close Contact“ und muss in Quarantäne? Verrückte Ideen, die einem nach tausend verrücken Geschichten aus dem Netz durch den Kopf schießen.
Die Neugierde hat dann doch – oh Wunder – gesiegt! Also schnell die Kamera, Handy, Maske, Ausgangstickets und Hund geschnappt und direkt zum falschen Ausgang des Compounds gelaufen – der war geschlossen. Also zurück auf Start und zum richtigen Ausgang am anderen Ende der Wohnanlage. Hände desinfizieren, Ausgangszeit unterschreiben und Code scannen: Name, Geburtstag, Passnummer, Handynummer, Adresse eingeben, Gesicht scannen….. Und eine Fehlermeldung bekommen… Nach vier Fehlschlägen kam die Aussage: ok, wir wissen ja, dass Du hier wohnst, Du kannst gehen…
Und das machte ich dann auch ohne weiter zu zögern. Zwei Stunden hatte ich Zeit, dann war Zapfenstreich. Der Hund schnüffelte glücklich vor sich hin. Direkt am Eingang zum Nachbarcompound steht eine der Testboxen… Jeder soll eine solche innerhalb von 15 Minuten erreichen… die also erste gute Nachricht: wir müssen nur wenige Meter gehen.

Wie genau diese Boxen im Einsatz aussehen ist mir noch nicht klar. Aber ich bin mir sicher, ich werde berichten können. Ich hoffe nur, dass sie nicht mit den gleichen Handschuhen jedem das Teststäbchen in den Rachen führen.
Mein Weg führte mich zu einem nahegelegenen Compound, in dem eine Freundin wohnt und ich ihr etwas vorbeibringen wollte (da auch hier der Code für mich nicht funktionierte, musste ich noch schnell einen Selbsttest am Abgabetisch des Compounds machen, bevor ich die Tüte dort ablegen durfte).
Es war eine seltsame Stimmung, wie erwartet, kaum jemand auf der Straße. Offensichtlich wurde länger nichts mehr an der Pflege der Gehwege getan, und auch die Blumen vor dem kleinen lokalen Supermarkt haben den Lockdown nicht überlebt. Originär sind wir alle für maximal fünf Tage am Anfang in den Lockdown gegangen: „Die Bevölkerung wird gebeten, keine Hamsterkäufe für die paar Tage zu machen. Nach ein paar Tagen wird alles wieder normal laufen“… Viele Erinnern sich an diese Meldung noch sehr gut – auch, wenn sie nun etwas länger her ist. Eine Bekannte erinnert sich bestimmt besonders gut. Denn sie ist am 1. April zu ihrem Bekannten „gezogen“. Ihr Nachbarschafts-Komitee ließ keinen Fremden mehr rein. Also schnappte sie schnell Zahnbürste und das Nötigste und zog zu ihm in die 35 Quadratmeter Einraumwohnung. Seit dem steckt sie dort fest. Die vier Wände dürfen die beiden nur für den Massentest verlassen. „Ist auch nicht so schlimm“, schrieb sie mir die Tage, „ich habe eh nichts passendes anzuziehen“. Als sie in den Lockdown ging, war noch warme Kleidung angesagt. Nun sind wir bei 26 Grad und damit gut zehn Grad wärmer als vor zwei Monaten.



Nach zwei Stunden waren wir dann wieder daheim. Der Hund superglücklich, mit leuchtenden Augen (nach dem Fressen wurde dann erst mal ein ausgiebig langes Schläfchen gehalten). Und ich war auch zufrieden und mit leichten Anzeichen von Muskelkater in den Beinen. Also ein Grund mehr, sich mit dem Kaffee in den Garten zu setzen und zu schauen, was die Bekannten posten.



Anscheinend hat ein Compound einen Gruppenkauf für Renn-Go-Cars getätigt, und nun haben die „Väter“ Spaß an dem Spielzeug. Die kleinen Gefährte sind momentan der Renner im Lockdown. Andere kamen bis zum bekannten „Normandy-House“ – in normalen Zeiten stehen die Leute hier Schlange, um sich vor dem Haus fotografieren zu lassen. Manche nutzen die Absperrungen zwischen den Gebieten kreativ für ein paar Badminton-Matches.
Bei uns war gestern Beauty-Tag. Ein Bewohner hatte eine Gruppe an Friseuren buchen können und einen Aufruf gestartet: 50 RMB (7 Euro) der Haarschnitt. Und so sah es im Jahre 2022 in Shanghai aus -der modernsten Metropole Chinas:



Auf und zu ist momentan die Devise. Während einige Freigang haben, werden andere wieder aufgefordert, ihre Wohnungen nicht zu verlassen und auch in Peking gehen immer mehr Menschen in Zentralquarantäne, wenn sie jemandem begegnet sind, der positiv getestet wurde. Eine Freundin schickte mir dies Bilder aus der Pekinger U-Bahn und von einer Teststation:



Wie es weiter gehen wird? Wie die Wirtschaft sich entwickelt? Wann die Menschen sich von dieser Zeit wieder erholen? Immer wieder kommen Meldungen auf, dass sich jemand aus dem Fenster gestürzt hat. Zum Glück nehmen einige Krankenhäuser ihren Betrieb langsam wieder auf. Immer mehr Geschäfte bieten Online-Bestellungen an. Aber was passiert mit den Menschen, die seit Monaten keinen Umsatz mehr machen konnten: die Markthändler, Restaurantbesitzer, Schneider? Und was passiert mit der Umwelt? Hunderte an weißen Anzügen, Test-Stäbchen, Plastikröhrchen (25 Millionen Menschen machen fast jeden Tag einen Test – allein in Shanghai), Verpackungsmaterial? (Bilder aus dem WeChat)



Da war er endlich..der Muskelkater 😂
Was mich ja begeistert ist die Nachbarschaftshilfe ..
Mit frisch onduliertem Haar fühlt sich der Weg zur Teststation wie ein Laufsteg an…ne?
Die Müllberge wachsen wohl allüberall dramatisch an..in Oberhausen gibt es zur Zeit eine Austellung im Gasometer DAS ZERBRECHLICHE PARADIES…es macht sehr nachdenklich was man da diesbezüglich zusehen bekommt
Jedenfalls wünsche ich dir noch ganz viel Muskelkater und schick ein Liebesgrüßle auf die große Reise
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Ja das ist alles etwas apokalyptisch gerade…aber wir müssen weiter „im Keller pfeifen“, damit unsere Kinder eine möglichst unbeschwerte Kindheit haben…und hoffen, dass auch sie ein schönes Leben haben können. Ein bisschen dazu beitragen tun wir, aber es hat etwas von Don Qijote…
Es freut uns aber sehr, dass Du und Quinley ein wenig Freiheit hattet 😘
Ich mag auch das Foto mit der Katze 😻
Liebe Grüße Kirsten
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