Im Osten nichts Neues…

Der schwierigste Moment des fünftägigen Lockdowns (für so lange war er ursprünglich angedacht) war der Start in den zweiten Monat…

Gerüchte gehen schneller um, als die Lebensmittelbestellungen.

Nahrungsmittel kommen meistens innerhalb von 72 Stunden. Aber die Lieferungen funktionieren – und die meisten Lieferanten verdanken eine tiefe Verbeugung. Denn aufgrund der Einschränkungen schlafen viele in den Büros oder Hallen, damit sie kein Risiko der Infektion oder Reglementierung laufen. 8 Stunden arbeiten, davon träumen die meisten momentan: die, die im Lockdown sind und festsitzen und die die Liefernden und sich wund arbeiten. Man hat das Gefühl, dass manche rund um die Uhr arbeiten.

Das Bestellsystem ist ein spannendes System. Man kann nur in Gruppen bestellen und echt große Menge (15 kg Broccoli, 20 kg Gurken, 15 kg Chinakohl, 700 Eier). Leider essen unsere chinesischen Nachbarn nicht so ganz das Gleiche, was auf unserem Lieblingsspeiseplan steht – oder umgekehrt. Das macht für mich die Sache etwas schwieriger (neben der Sprache).

Eine der Bestell-Listen

Aber bei Gemüse, Milch und Eiern sind wir uns schon mal einig. Wir tauschen. Ich habe 500 Gramm Butter bekommen (da war ein Freudentanz dran) und dafür konnte ich die Instant-Nudelsuppe mit Schweinemark, die mit dem Mineralwasser zusammen geliefert wurden, weitergeben. Für Olivenöl und Sonnenblumenöl gibt es Mangos und Kartoffeln. Die Preise sind – obwohl sie nicht durch die Decke steigen sollen – schon erhöht. Da kann man momentan auch nicht verhandeln – was uns stört, aber vielen anderen unmöglich macht, die Lebensmittel zu den hohe Preisen zu kaufen. Es gibt anscheinend sehr viele Haushalte, die am Limit laufen. Ausländische Firmen greifen ein und schicken Notpakete an Menschen, die nichts mehr haben. Dabei muss man sich immer wieder vor Augen halten: Shanghai ist eine der modernsten Städte der Welt.

Momentan dann eher eine der leersten Städte der Welt:

Meine Freundin Ines und ihr Mann Yves leben Downtown und dürfen seit ein paar Tagen aus ihrer Wohnung auf die Straße und im direkten Umfeld auch umherlaufen. Von ihr habe ich diese Bilder bekommen. Die Straßen haben eine Faszination. Gestern bekam ich die Nachricht von ihr: „Wir haben unsren ersten geöffneten Family-Mart ( eine Art moderner Tante-Emma-Laden, meistens 7/24 geöffnet) gefunden“ . Ok, der Laden überzeugt momentan nicht wirklich durch sein Angebot .

Es ist nicht einfach, die Lage hier zu beschreiben. Es ist nach wie vor ein surreales Gefühl. Vielleicht gibt dieses Filmchen die Situation am besten wieder. “ Aber wohin willst Du gehen? Da ist nichts, wo du hingehen kannst“ ruft derjenige, der die Aufnahme macht.

Auch wir dürfen seit drei Tagen wieder in unseren Compound-Park. Das tut gut – besonders dem Hund. Endlich können wir mit dem Fahrrad wieder unsere knapp 2 km- Runde drehen – dann haben wir aber auch wirklich jeden Winkel des Parks ausgenutzt. Regelmäßig macht Quinley am großen Tor Halt und schaut mich erwartungsvoll an, als ob er sagen würde: „Jetzt gehen wir raus, oder? „

Eine Bekannte, die in der „IN-Straße“ wohnt, wo sich sonst die Leute in den Cafés treffen, schrieb heute: “ In unserem Haus gab es wieder einen positiven Fall – weitere 14 Tage Hausarrest“. Das macht keinen Spaß mehr. Viele versuchen, auszureisen. Doch so einfach kommt man weder an Flugtickets, noch an PCR-Tests, noch an Ausgangserlaubnisse und dann kosten die Flüge ein Vermögen und allein die Taxifahrt zum Flughafen mehrere hundert Euro.

Preiswerter ist das neue Haustier einer chinesischen Bekannten. Speedy ist ihr irgendwie „zugelaufen“, und seitdem bekommen wir regelmäßige Updates. Anscheinend ist der kleine Herr wählerisch und heue auf Kartoffel umgestiegen.

Lustig-interessant fand ich auch die Lieferung, die eine Freundin von ihrer Nachbarin bekam. Ich dachte zuerst, es sei ein Hähnchen gewesen und wunderte mich ob ihrer Freude über das Geschenk, ist sie doch Vegetarierin:

ein luxuriös eingepackter Salat

Ihr seht, uns geht hier der Gesprächsstoff auch in der siebten Woche Lockdown nicht aus.

Wir haben uns zum Fastenbrechen am Ostersamstag etwas ganz Leckeres gegönnt: Currywurst, Pommes und ein Bierchen (nach 40Tagen ohne Alkohol, Schokolade und Chips). Die Sachen habe ich zum Glück wohl überdacht noch bestellt, als die individuelle Lieferung noch möglich war.

Leider war ich bei der Bestellung des Holzes für die Feuerschale zu spät gewesen, so dass wir in diesem Jahr aufs Osterfeuer verzichten mussten. Naja, man kann nicht alles haben.

Von unseren Vermietern gab es Sahne und Hefe (ich hatte vor einigen Tagen in der Gruppe gefragt, ob jemand wüsste, ob ich diese irgendwo bestellen könne – anscheinend hat sie eine Quelle aufgetan) – total lieb! Wenn ich meine vier Kilo Avocado bekomme, gebe ich einige davon an sie ab!

Unsere Ostereier habe ich mit roter Beete gefärbt… Andere Menschen waren da etwas kreativer.

Ach ja – und ich bin schon etwas stolz, dass mein letzter Blog so viel Anklang fand. Knapp 2000 Leser wurden bisher von LinkedIn und der Blogseite selber registriert. Leider ist die Seite seit einigen Tagen aus dem hiesigen Netz nicht mehr abrufbar.

  1. Ich freu mich über das kleine Fünkchen Humor was hier ankommt.
    700 Eier..Das ist ja mal was🤭 vielleicht tauscht das jemand gegen eine Waschmaschine?

    Verrückte Welt …haltet durch!!
    Vllt gibt’s ja ein Kochbuch mit Lockdown Rezepten?
    Bis zum nächsten Mal

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    1. Leider darf man ja nicht aus dem Haus oder Compound… Das macht dass Tauschen von Waschmaschine schwieriger… 😁 Ich bin davon überzeugt, dass es Lockdown-Kochbücher geben wird. Aber ich muss mich um unser zweites Buch erst mal kümmern, welches im kommenden Frühjahr Deadline hat 😄

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