Momentan ist das Leben in Shanghai etwas energiesaugend. Leute sind müde, erschöpft und vor allem besorgt. Im WeChat (eine Internet-Plattform ähnlich wie Whatsapp) kommen immer öfter Meldungen wie: „Als ich heute zur Arbeit wollte, war mein Compound geschlossen: Lockdown, ich kann nicht raus“.

Viele Schulen gehen auf Distance-Learning, da viele Lehrer und Schüler ihre Wohnungen nicht verlassen können. Oft werden aus drei Tagen Lockdown 7 Tage oder mehr. Heute Morgen waren wir dann alle überrascht und hatten das Déjà-Vue: die Straßen zum nächsten Distrikt (1,5 km von unserem Haus) wurden überraschend Mitternacht gesperrt. Überall in der Stadt tauchen wieder die Absperrgitter auf. Man tauscht sich über Ausweichmöglichkeiten aus.

In viele Geschäfte kommt man nur mit einem 24 Stunden gültigen QR -Code. Überall wo man hingeht muss man einen Code scannen. Damit ist nachzuvollziehen, wo man wann war. Das bedeutet, dass man auch in den Lockdown muss, wenn man ein „Close Contact“ ist. War man zum Beispiel in einem Restaurant, in dem ebenso ein als „positiv“ Identifizierter war, geht man auch in den Lockdown und darf für ein paar Tage seine Wohnung nicht verlassen. Noch sind die Zahlen niedrig, die Gefahr, auf jemanden zu stossen recht niedrig, aber eben ungewiss. Und diese Unsicherheit macht mürbe.

Objektiv gesehen wäre ein lokaler Lockdown kein Drama. Man kann weiter Lebensmittel bestellen und müsste daheim bleiben. Nur will man natürlich nicht der Schließungs-Grund seines Compounds sein – oder in eine Fieberklinik gebracht werden.
Aber nur in den vier Wänden die kommenden Monate warten (und dann ggf. doch in den Lockdown gehen, weil es Fälle in der Schule oder Nachbarschaft gibt) ist auch keine Alternative.

Wie zum Beispiel am vergangenen Samstag in der „Old City“ – dem alten Teil Shanghais, das einst von der Stadtmauer umgeben war und jetzt langsam aber sichtbar verschwindet.


Ein paar Relikte kann man da und dort noch finden. So trotzt der Feuerturm der Weiterentwicklung der Stadt. Er stand einst (bis Anfang 1900 stand sogar noch die Stadtmauer komplett) innerhalb der Stadtmauer und diente dazu, etwaige Hausbrände frühzeitig zu entdecken.

Dieser Turm steht unter Denkmalschutz… die meisten anderen Gebäude müssen modernen Bauten weichen. Täglich kämpfen sich riesige Trucks durch die verlassenen Gassen und transportieren den sortierten Bauschutt ab, mancher hofft, das ein oder andere noch verkaufen zu können.



Gerade nach dem Lockdown wird hier aufgeräumt. Viele Menschen hatten eine extrem schwere Zeit im Frühjahr diesen Jahres. Viele Häuser haben gemeinsame Bäder und Küchen. In Häusern, die ursprünglich für eine Familie gebaut wurden wohnen heute unzählige Menschen. Manchmal teilen sie sich sogar ein winziges Zimmer, indem sie in Schichten schlafen.



War jemand aus der Strasse an Corona erkrankt, kamen alle Nachbarn – ob infiziert oder nicht – unmittelbar in die Zentralquarantäne. Wie es dort aussah, wissen wir mittlerweile alle. (Ich hatte während unserer Lockdown-Zeit davon berichtet).
Dennoch sind besonders viel ältere Menschen nicht bereit, ihr Viertel zu verlassen, in dem sie ihr Leben lang gewohnt haben. Die Geschäfte sind nah, man kennt und hilft sich gegenseitig. Die Behausungen sind klein, das Leben findet auf der Straße statt, häufig wurden Küchen und Wohnbereiche nach draußen verlagert.




Manchmal ist das vermeintlich Exotische gar nicht so fremd. In der alten Stadt sieht man häufig Taubenverschläge auf den Dächern. Und anscheinend sind – wie auch im Ruhrgebiet – diese Vögel das Rennpferd des kleinen Mannes.




All das wird in den kommenden Jahren wohl verschwinden. Manches wird restauriert und in Form eines Museums der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aber es wird seinen Charme verlieren. Die Leute ziehen in unterschiedliche Gebiete. Nachbarn, Freunde, Kunden verteilen sich, ziehen zur Familie in andere Städte oder aufs Land in noch kleinere Behausungen, weil sie sich die neuen Wohnungen nicht leisten können. Nach Aussen wird alles glänzen, genau , wie der Konfuzius Tempel, der gerade auf die chinesische Art und Weise restauriert wird .

Und so sah er vor der Restaurierung aus.

Es ist interessant und traurig zugleich was du erzählst. Die Fotos haben eine starke Aussagekraft und erzählen was zwischen den Zeilen zulesen ist.
Ganz feste drück ich die Daumen dass Ihr nicht krank werdet und auch weiter Ausgang haben könnt. Hier und dort werden die Menschen mürbe.
Durchhalteliebesgrüßle aus der Heimat
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Vielen Dank für die lieben Worte und ebenso viel Durchhaltekraft und Zuversicht
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