Ein weißes Blatt Papier wird zensiert

Unzählige Texte habe ich nun schon angefangen und wieder gelöscht. Ich wollte mich darüber beschweren, dass es schon wieder so viele Lockdowns gibt. Sporadisch, immer mal wieder, irgendwo… Ein Compound, eine Firma, ein Supermarkt, eine Schule. Ich treffe immer wieder Menschen, die entweder einige Tage ihre Wohnungen nicht verlassen konnten, die Angestellten in ihren Firmen und Fabriken übernachten lassen müssen.

Bei dem ganzen Gejammer vergißt man gerne, dass man nicht alleine ist, dem die ganze Sache auf den Geist geht. Und insbesondere vergisst man, dass das eigene „Schicksal“ echt nur ein Fliegendreck ist. Millionen Menschen haben ihren Job durch die Krise verloren, ihre Existenz. Millionen Menschen wohnen nicht im netten Häuschen, sondern in beengten Räumen, teilen sich teilweise ein Bett, wissen nicht, wie sie morgen ihr Essen für die Familie herbekommen. Für Millionen Menschen wurde die Schmerzgrenze überschritten – und das hat etliche auf die Straße getrieben. Ihr habt sicher von den Protesten in diesem Land gelesen, gehört, erfahren. Die weißen Seiten wurden auch in den sozialen Medien mittlerweile zensiert. Eine Papierfabrik soll sogar gemeldet haben, dass die Produktion von weißem DIN-A 4 Papier eingestellt werde… diese Meldung verschwand dann allerdings ebenso schnell wieder und diese Meldung erscheint stattdessen.

Der meines Erachtens meist-genutzte Satz momentan ist: „Es ergibt alles keinen Sinn“. Und das ist vielleicht auch das, was am meisten Energie saugt.

Während ich nun eifrig vor mich hin schreibe, mit Fruchtpunsch und selbst gebackenen Zimtsternen neben mir, überschlagen sich die Meldungen im Netz, dass in einigen Städten – die bis vor ein paar Tagen unter strengem Lockdown standen – Tests abgesetzt werden, man keine Codes mehr vorzeigen muss und dass das neue Virus eigentlich nur noch wie ein Erkältungsvirus ist. Wie durch Zauberhand sind 90 Prozent der Bevölkerung – meist die Älteren – geimpft.

Aber eigentlich wollte ich ja nicht motzen. Denn ich habe mich entschieden, dass ich den Satz „Love it or leave it“ (Liebe oder lasse es) in „Love it because you can’t leave it“ umfunktioniere und dies mein neues Motto wird.

Also habe ich die Kamera geladen und bin wieder auf Erkundungstour gegangen. Ich war in der Japanischen Konzession, ein Viertel in dem Anfang der 1900 japanische Tucharbeiter gelebt und gearbeitet haben.

Da, wo früher die Unternehmerfamilien gewohnt haben, hausen heute viele Parteien. Es ist so schade, dass hier alles abgerissen oder runtergewirtschaftet wird.

Spannend finde ich die noch heute angewandte Technik der Werbung für Dienstleistungen. Meistens Handwerker stempeln ihre Telefonnummern auf die Hauswände und hoffen so auf neue Kunden (eine Zeit lang konnte man anscheinend auch Damen aus dem verbotenen Gewerbe so erreichen).

Und wenn ich so durch die Strassen streife, dann weiß ich auch wieder, warum ich diese Stadt so mag: es sind die Menschen…

und die kuriosen Geschichten…wie in diesem Park. Anscheinend wusste man nicht, was man mit den Grabsteinen des aufgelösten christlichen Friedhof machen soll. Also hat man sie zur Einfriedung eines Sees in einem Park genutzt.

Witzig finde ich auch , dass sehr viele Kinderrutschen auf den Spielplätze aus Stein sind – nicht nur die „Gerüste“ sondern auch der eigentliche Rutschbereich. Und da geht es ganz schön ab, kann ich Euch aus eigener Erfahrung sagen:

Dann war da noch der Morgen, an dem ich mit einer Freundin an den Bund zum Sonnenaufgang gefahren bin. Um 5 Uhr sind wir losgefahren und es war mal wieder klasse.

Ältere Herrn ließen ihre Drachen tanzen. Sie treffen sich jeden Morgen zum Sonnenaufgang und um 7 Uhr geht es nach Hause zum Frühstück. Der Bund hat eine magische Stimmung um diese Zeit.

War sonst noch was?….

Ja! Ich war endlich auf dem Pearl Tower, einem Wahrzeichen von Shanghai. Eigentlich hatte ich mir ihn aufgehoben für den Fall, dass Freunde uns besuchen kommen… Und ich dann nicht noch mal rauf muss. Nun, die Wahrscheinlichkeit, dass uns jemand von Ausserhalb hier in Shanghai besucht, ist auf Null gesunken. Also bin ich in die Luft gegangen – lohnt sich.

Was ich allerdings noch viel spannender fand, war die Shopping Mall in die ich durch Zufall ein paar Tage später gegangen bin. Es ist anscheinend eine der Malls, in denen es am Wochenende brummt.

Auf sechs Etagen gibt es alles rund ums Kind: Ballett, Musikschulen, Nachhilfe-Schulen für Mathe, Physik, Fremdsprachen, Chemie… Hier kommen die Familien hin und schauen zu, dass ihren Kleinen an nichts fehlt: Geige, Tanzen, Literatur… Und dann gibt es zur Belohnung etwas aus dem Automaten oder eine Runde mit dem Elektro-Auto.

Naja, vielleicht ist die Nachhilfe ja doch notwendig. Denn irgend jemand hat in Englisch nicht aufgepasst. (Irgendwann werde ich mal meine Sammlung mit unsinnigen Übersetzungen veröffentlichen).

  1. Love it because you can’t leave it. PUNKT!
    Genau so!
    So schön dass du wieder unterwegs bist.
    Sich morgens um sieben sich Zeit nehmen und was schönes machen ..sollten wir viel öfter machen…hätte ich doch nur einen Drachen 😉

    Gemütliche Zimtstern Stunden
    Bis ganz bald die Ex (Nachbarin

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