Das Wort des Jahres 2022: sinnlos

Die Nerven liegen bei den meisten Menschen in Shanghai (und vermutlich in ganz China) blank. Die Politik hat kapituliert, die Menschen sind auf sich gestellt, die Büchse der Pandora ist geöffnet…

Nachdem wir über knapp 3 Jahre sehr wohl orchestriert durch den Alltag manövriert wurden, alles detailliert geplant und vorgegeben wurde, man brav seine Tests regelmäßig gemacht hat, den Lockdown geschluckt hat und immer wieder einen Grund hinter dem Restriktionen gesehen hat (selbst in der 14tägigen Quarantäne in schäbig, dreckigen Einzelzimmern – teilweise ohne Fenstern), stehen nun 1,4 Milliarden Menschen da und wissen nicht, wie sie den Viren-Tsunami stoppen können.

Angefangen hat alles in der vergangenen Woche. Da hieß es plötzlich: man müsse keine Codes mehr scannen, wenn man die Metro nehmen oder in Geschäfte/ Restaurants gehen wolle. Was erst Freude hervor rief, brachte Verunsicherung mit sich. Wie identifizierte man Corona-Erkrankte und wie kann man sich schützen? Schnell kam die Antwort: gar nicht.

Dass mit der neuen Regelung auch die Teststationen von jetzt auf gleich drastisch reduziert wurden, kam überraschend. Die Schlangen vor den verbliebenen Stationen wuchs erheblich. Denn um zum Arzt, in die Schule, in manche Büros zu gehen oder Angestellte der Supermärkte und Restaurants benötigten immer noch einen 48 Stunden gültigen Code.

Es war ein komisches und ebenso verunsicherndes Gefühl, Orte zu betreten, ohne kontrolliert zu werden. Doch ein noch komischeres Gefühl mischte sich bei: diese Wendung um 180 Grad kann nicht gut gehen.

Viele Restaurants waren wie ausgestorben, in der Haupteinkaufsstraße nur wenige Menschen und viele U-Bahn-Stationen verwaist. In den chinesischen Medien wurde die Nachricht laut: keine Panik, Corona ist wie eine Grippe oder Erkältung.

Und genau wie die Viren, überschlugen sich auch die Mitteilungen: „Ich bin krank, ich habe Corona.“ Einige Menschen lagen mit Fieber im Bett, andere waren nach ein paar Tagen und leichten Symptomen wieder negativ. Die Schulen gingen auf Online-Unterricht, zu viele Schüler und Lehrer waren infiziert, die Zahl der Erkranken stieg – und mit ihnen die Schlangen vor den Fieberkliniken, die extra für Covid-Erkrankte erbaut worden waren. Bis zu vier Stunden warteten Menschen hustend, schniefend und mit Schüttelfrost auf 2 Tabletten Ibuprofen – der Stoff ist knapp.

Gleichzeitig wiederholte sich die Nachricht: Don’t Panic, die Pandemie ist nun eine saisonale, lokale Epidemie. Millisekunden der Erleichterung, bis das Gehirn sich einschaltete und die Frage stellte: „Warum soll es in China anders sein, als im Rest der Welt?“.

Parallel dazu werden Tips gegeben: viel warmes Wasser trinken, positiv denken und viel schlafen. Während die Frage: „helfen Dosenpfirsiche gegen Corona“ immer öfter diskutiert wird, kommt die Info „Alle Schulen schließen bis zum 17. Januar.“ Eine Mogelpackung! Denn die chinesischen Schulen gehen dann erst einmal in die wochenlangen Chinese-New-Year-Ferien (in den internationalen Schulen ist die Schließung ein Problem, da die IB und AP-Finals im Frühjahr sind- also alle Schulabschlüsse der 12. Klassen bevorstehen).

Und während sich die Nachrichten kontrovers nur so überschlagen, schließen immer mehr Restaurants, Lebensmittellieferungen werden reduziert oder eingestellt, Regale nicht mehr nachgefüllt und Läden geschlossen, Fahrpläne der Metro reduziert, da das Personal krank im Bett liegt.

Einreisende aus dem Ausland dagegen müssen nach wie vor für fünf Tage in die Hotelquarantäne und drei Tage sich daheim aufhalten, wenn sie nach China kommen. Sollten sie sie während dieser Zeit positiv getestet werden, müssen sie in die Massenauffangstation der Fieberkliniken , wo eine Pritsche neben der anderen steht, und können diese in der Regel erst verlassen, wenn sie zwei negative Tests vorweisen können. Parallel dazu wird verkündet: Personen, die positiv getestet sind, aber keine oder nur leichte Symptome haben, dürfen zur Arbeit gehen. Und das bedeutet: noch mehr Menschen werden infiziert.

Wie es weiter geht? Krematorien und Notaufnahmen melden absolute Überlastungen ( immer mehr Krankenschwestern und Ärzte selber erkranken an Covid/ Patienten werden aufgefordert, sich über Internet zu informieren, was sie machen können, statt in die Krankenhäuser zu kommen).

  1. Liebe Alex,
    danke die umfassenden und bestürzenden Informationen. Wir können Ähnliches auch in der Presse lesen, bei weitem jedoch nicht so ausführlich.
    So wird die Brisanz mit all ihren Auswirkungen auf das Alltagsleben wie
    Ernährung, Schule und natürlich auf die Gesundheit und die medizinische Versorgung und das Leben jedes Einzelnen besonders sichtbar.
    Ich hoffe sehr, dass es Euch einigermaßen gut geht, dass Ihr versorgt und geschützt seid.
    Auch bei uns grassieren die Epidemien, neben Corona auch Grippe und nun Scharlach.
    Ich wage es dennoch, Euch ein schönes und friedvolles Weihnachtsfest zu wünschen. Verliert nicht die Zuversicht und seid auch manchmal fröhlich.
    Herzliche Grüße
    Elisabeth HofmNn

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    1. Liebe Elisabeth! Besten Dank für die lieben Worte! Wir sind gut versorgt – es ist eher die allgemeine Lage. Denn nicht jeder hat eine gute Versicherung oder ausreichend Mittel, auch ein paar Durststrecken zu überstehen – insbesondere, wenn man schon durch die vergangenen Jahre Schräglage erlitten hat! Hoffen wir, dass 2023 etwas friedlicher verläuft! Euch auch frohe Weihnachten und besinnliche Tage! Alles Liebe Alex

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  2. Liebe Alex,
    wie immer ist Dein Bericht aus Shanghai sehr, sehr interessant und aufschlussreich. Ich hoffe sehr, dass Ihr Euch schützen könnt und auch diese Situation meistert. Eigentlich wähnte ich Euch bereits auf dem Weg zurück nach Deutschland. Da dem anscheinend nicht so ist, wünschen wir Euch starke Nerven, viel Gesundheit und Durchhaltevermögen.
    Und trotz aller widrigen Umstände in China und der ganzen Welt wünschen wir Euch ein friedvolles und schönes Weihnachtsfest und alles Gute für das kommende Jahr.
    Marie-Luise und Karl-Heinz Große Peclum

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    1. Ihr Lieben! Vielen Dank für die guten Wünsche! Wir werden noch ein paar Monate hier die Lage miterleben. Im Sommer geht es dann wieder nach Deutschland! Hoffen wir, dass sich die Welt im kommenden Jahr etwas beruhigt! Euch besinnliche Tage und einen guten Rutsch! Alex

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  3. Dem schließe ich mich an.
    Sinnlos auf Kosten der Bevölkerung….
    Da weiß einmal mehr zu schätzen was es heißt in einer freie (re)n Welt zu leben.
    Haltet durch und bleibt gesund !
    Fusselige Grüße!

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