Wandern auf Chinesisch

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen….das stimmt! Und wenn man in China reist, dann gibt es noch mehr zu erzählen:

Das Land ist wieder geöffnet, also quasi – zumindest, wenn man innerhalb Chinas reist, geht das ohne Restriktionen, Lock-Downs oder Hindernissen. Einfach einen Flug buchen, im Hotel einchecken und erkunden. Fühlt sich nach fast zwei Jahren Starre gut an! Über Covid und die Begleiterscheinungen haben wir uns nun ja ausgiebig ausgetauscht. Aber eins nehme ich nachhaltig dem Virus persönlich übel: dass ich China nicht mehr erkunden konnte. Es ist so ein facettenreiches Land.

Deshalb ging es jetzt nach Zhangjiajie in die Avatar Berge. Wulingyuan ist rund 265 km² groß und besteht aus über 3.000 Sandsteinfelsen, die bis zu 200 m hoch empor ragen. Es gilt als eines der schönsten Chinas. Seit Jahrhunderten dient es chinesischen Malern als Vorlage, inspiriert sie zu langen Rollbildern, zu Tuschezeichnungen. Immer wieder zog es auch taoistische und buddhistische Mönche hierher, um zu meditieren und dem Himmel ganz nah zu sein. Die Unesco hat es zum Weltnaturerbe erklärt und selbst Hollywood hat sich der malerischen Bergkulisse bedient und sie in den Science-Fiction-Film „Avatar“ als „Hallelujah Mountains“ des Planeten Pandora eingebaut.

Der Nachteil der Region: rund 200 Tage Nebel. Und einen davon haben wir erwischt. Als wir mit der Gondel an der ersten Etappe ankamen, war unsere Enttäuschung zugegebener Maßen schon recht groß.

Uns war klar, dass Regen und Kälte angesagt waren, aber so gar keine Sicht… Das war nicht in unserm gedanklichen Reiseplan. Also stellten wir uns mental drauf ein, dass es nicht der aufregendste Tag werden würde.

Da standen wir nun am Fuße des berühmten Tianmen Cave, dem Tor zum Himmel, und sahen: NIX, außer die Schemen der anderen Touristen, die sich mit den bunten Regencapes vor dem Nieselregen versuchten zu schützen. Während wir (ich war mit meiner Freundin Henriette unterwegs) überlegten, wie es nun weiter gehen würde, wurde ein Murmeln um uns herum laut und immer stärker. Wie durch Geisterhand verzogen sich die Wolken binnen einer Minute, ohne dass ein merklicher Wind aufkam, die Sicht klarte auf, und die 999 Stairways to Heaven wurden sichtbar. Aufgrund der Wetterlage und der, durch den Regen, rutschigen Stufen, mussten wir die Rolltreppen an der Seite nutzen, um nach Oben zu gelangen.

Oben angekommen zeigte sich jedoch, dass wir bei weitem den Gipfel noch nicht erreicht hatten. In Europa hätte man ihn über Wanderwege erklimmen können. In China läuft das pragmatischer ab. Löcher wurden im Inneren des Berges gebohrt und Rolltreppen bringen die Massen sicher mehrere hundert Meter ans Ziel (wir mussten fünf oder sechs dieser Rolltreppen nehmen).

Oben erwartete uns dann eine besondere Überraschung: Winter-Wonder-Land:

Nach einer Fussmassage am Abend und einem guten Frühstück ging es am nächsten Tag weiter. Ein paar chinesische Freunde hatten mir immer wieder dazu geraten, Nordic-Walking Stöcke und am besten auch ein GPS-Ortungsgerät mit in die Berge zu nehmen, für den Fall, dass wir uns verlaufen würden. OK, die Stöcke habe ich in der Tat gekauft… auf das GPS -Gerät habe ich verzichtet. Und das war gut so.

Ich hatte ziemlich schnell das Gefühl, dass wir uns absolut nicht verlaufen würden. Zum Glück ist momentan Nebensaison und die Kapazität der Touristen ist noch nicht erfüllt. Die Orte lassen erahnen, wie es sein kann, wenn die Hauptreisezeit anbricht (nur zur Info: Man darf den Weg nicht verlassen – also den gepflasterten… die Natur ist nur zum Anschauen da… allerdings ist das bei der Masse Mensch, die hier durchgeschleust wird, auch gut).

Auf unserm Weg haben wir dann noch einen Teil einer Massenhochzeit beigewohnt. Leider haben wir von unserer Führerin nicht erfahren, welchen Hintergrund diese genau hatte. Offiziell hieß es, dass einige Unternehmen die jungen Leute unterstützen würden. Ob das stimmt, weiß ich nicht, sah aber dennoch gut aus.

Eine kleine Showeinlage haben wir gratis bekommen.

Für uns ging es weiter auf die Berge- wieder mit der Gondel und dann zu Fuß – auf befestigten Wegen…und nichts mit himmlischer Ruhe… Denn die zahlreichen Reiseleiter halten ihre große Gruppen chinesischer Touristen per Megafon zusammen, erklären den chinesischen Wanderern die Aussicht und die Geschichte des Gebirges. Und für diejenige, die absolut lauffaul sind, stehen Sänften zur Verfügung, die sie die Treppen auf und ab transportieren.

Leider haben viele Leute hier in China noch nicht so den Schutz der Natur für sich entdeckt – was auch ein Grund dafür ist, dass man hier die Leute nicht so gerne in die freie Wildbahn entläßt. Müll wird einfach in die Büsche geschmissen, Pflanzen abgeknickt und leider auch die wilden Tiere mit Bonbons, Keksen und mit in Plastik eingepackten Snacks gefüttert.

Trotz der vielen Rolltreppen und Aufzügen sind wir dennoch um die 12 Kilometer pro Tag durch die Gegend gelaufen und das macht hungrig.

OK, auf diese Suppe habe ich dann verzichtet – und mich mehr an den Fladenbroten verköstigt.

Mit der Gondel ging es dann wieder ins Tal und mit dem Zug zum Dorf Fenghuang, das ebenso von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Im Bahnhof war klar, viele Touristen müssen sich erst vor der Reise von den Strapazen in einem der vielen Massagestühlen erholen (wir haben es auf der Rückreise auch mal ausprobiert, und die Dinger sind zugegebener Maßen gar nicht so schlecht).

Die antike Stadt Fenghuang heißt übersetzt: Phoenix. Sie wird so genannt, weil die Legende besagt, dass zwei dieser fabelhaften Vögel darüber flogen und die Stadt Fenghuang so schön fanden, dass sie sie nur ungern verlassen wollten. Ob die Geschichte wahr ist oder nicht, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall läßt sie einen erahnen, wie das Leben früher hier stattfand.

Heute ist es eher eine Mischung aus Freilichtmuseum und Disney World. Die meisten Touristen kommen hier hin, um sich in traditionellen Kleidungen fotografieren zu lassen.

Und das geht am besten abends bei der von Chinesen so beliebten bunten Beleuchtung.

Während die Touristen sich durch die schmalen Gassen schieben und laute Musik aus den Karaoke-Bars dringt, bietet die einheimische Minderheiten-Gruppe Miao lokales Obst, getrocknetes Fleisch , Silberschmuck und Stickereien an. Die Miao sind eine Übergruppierung mehrerer Völker, welche aus den bewaldeten Berggebieten Südchinas stammen und welche vor allem sprachlich miteinander verwandt sind. Die größten Völkergruppen der Miao sind die Hmong, Hmu, Qoxiong und Hmau. In China gibt es offiziell 56 Minderheiten. Eine davon ist die der Miao.

Und natürlich gibt es auch jede Menge zu essen – vielleicht nicht immer das, was den westlichen Touristen anspricht (wir waren übrigens in den vier Tagen die einzigen nicht asiatischen Touristen in diesem Gebiet. (und damit auch immer wieder ein gefragtes Foto-Objekt – manchmal heimlich, manchmal auch ganz offensichtlich und Teil eines Gruppenbildes). Eine Spezialität ist das Bettler-Hühnchen, ein in Erde und Kräuter gebackener Flattermann, oder Lurch (den gibt es als getrocknete Knabberversion auch noch mal am Flughafen zu kaufen), See-Pilze, Maden und Heuschrecken.

Ein weiteres Highlight der Reise war ein Wahrsager, der durch seine Wellensittiche sein Geld verdient – aber seht am besten selber und klickt auf das Bild.

Zum Abschluss unserer Reise ging es am letzten Abend in eine Show mit traditionellen Tänzen und Gesängen, Feuerspuckern, Akrobaten und viel Klamauk. Eine durchaus interessante, inspirierende und spannende Reise, die noch lange in Erinnerung bleiben wird.

  1. Danke für die erneut beeindruckenden Infos aus einem in doppelter Hinsicht fernen Land.
    Freue mich auf die nächsten Berichte und wünsche eine gute Zeit.
    LG Henner Kipphardt

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  2. Wenn Eine eine Reise tut….so viele schöne, bunte und beeindruckende Fotos und Geschichten
    Wie beeindruckend es wohl aussieht bei himmelblau
    Freu mich schon auf den nächsten Ausflug

    Bis bald
    Die Ex(Nachbarin)

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  3. Tolle Eindrücke eines uns so fernen und unbekannten Landes. Und besonders schön, dass Ihr dieses Mal so unbeschwert reisen konntet.
    Die chinesische Art zu wandern ist sicher ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber es so zu organisieren, scheint ja sinnvoll zu sein.
    Ich wünsche Dir weitere schöne Reisen und Eindrücke.
    Elisabeth Hofmann

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    1. In der Tat tut es gut, ohne Sorge vor Restriktionen reisen zu können. Und es ist super spannend – leider hat das die vergangenen drei Jahre gefehlt…

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  4. Hallo Alex,danke Dir für diesen wunderschönen Reisebericht. Ich freue mich für dich,dass Du das alles erleben darfst.Liebe Grüße Liesel.

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  5. Tolle Eindrücke und Erkenntnisse – das ich sicher nicht je Art von Spezialitäten einmal austesten würde, aber sehr faszinierend. Sicher sehr viele surreale Eindrücke auf einmal, Rolltreppen im Berg, Sänften, altes China meets Disneyworld alles sehr beeindruckend. Danke fürs Mitnehmen.
    Flusige Grüße!

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