Fast vier Jahre Shanghai liegen nun hinter uns, eine spannende Reise durch fremde Kulturen. Mein Mann beschrieb dies vor Kurzem so: das Schwarz-Weiß-Bild ist bunt geworden. Und das ist für mich die beste Beschreibung.

Sahen vor vier Jahren für mich „alle Chinesen“ noch gleich aus, schaffe ich es heute, die meisten voneinander zu unterscheiden. Zugegebener Maßen ähnelt sich der ein oder andere heute noch immer für mich. Aber so geht es mir auch in Deutschland mit Damen und Herren mittleren Alters, grauen Haaren und beigen Funktionswesten…
Nun wurde die Schnur zum Countdown gezündet. Anfang Juni wird das Haus wieder in Kartons verpackt und es geht zurück nach Deutschland – mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge. Das tränende Auge ist momentan noch größer. Denn es ist schwer, etwas Liebgewonnenes zu verlassen. Als ich Deutschland im Sommer 2019 verlassen hatte, wusste ich, ich komme wieder. Wenn ich Shanghai verlasse weiß ich, ich werde nur zu Besuch wieder kommen. Und vieles aus „meinem“ Shanghai wird dann verschwunden sein – für immer, denn mehr und mehr meiner Lieblingsorte werden „renoviert“, Cafés schließen, kleine Häuser weichen Bürogebäuden und Shopping-Malls. Das, was für mich die „Seele“ Shanghais ausmacht, wird bald Vergangenheit sein.



Viele Wohnungen entsprechen in der Tat bei weitem nicht mehr dem heutigen Standard und vieles sieht so viel romantischer aus, wenn man selber nicht drin wohnen muss. Dennoch ist die Frage, ob man immer alles durch Hochglanz ersetzt werden muss. Nach einer (nicht recherchierten und überprüften Aussage) eines Bekannten, stehen 90 Millionen Büros in China schon jetzt leer. Ich bin gespannt, wie Shanghai sich verändern wird. Im Herbst werde ich es schon mal überprüfen können, dann bin ich für ein paar Tage wieder hier und kann neue Dinge entdecken.
Wie dies in China-Speed geschieht, habe ich in unmittelbarer Nachbarschaft beobachten können. Covid hat die Bauarbeiten verlangsamt und dennoch ist in knapp 2 Jahren eine neue Wasserstadt entstanden. Klicke hier, oder auf das Bild, um es zu sehen.
Panlong Tinatandi ist momentan die Hauptattraktion Shanghais. Moderne Cafés und Restaurants laden zum Essen ein, es gibt eine (leere Kirche) und einen Tempel. Kinder können Ponys reiten, Skateboard fahren, auf einem Wochenmarkt werden Ökoprodukte verkauft und überall machen Menschen Selfies. Infotafeln erzählen die Geschichte der Wasserstadt. Demnach war Panlong, wie das Viertel heute heißt, schon eine quirlige Ecke in Zeiten der Qing-Dynasty.

Ob hier damals die Phönixe wirklich ihre Eier ausgebrütet haben, wird wohl ein Geheimnis des sagenumwobenen Vogels bleiben. Auf jeden Fall gibt die Marketing-Abteilung alles, die Geschichte der Stadt zu erzählen, und es bleibt dem Besucher überlassen, sich seine eigene Geschichte über die Stadt zu bilden – in der es sogar eine Aldi-Filiale gibt.

Wenn ich die Veränderungen sehe, bin ich um so glücklicher, dass ich so Vieles fotographisch eingefangen habe. Und nun auf der letzten Strecke werden sogar einige meiner Bilder ausgestellt – unter anderm im lokalen Café Du Village, wo „Alles“ begann (hier geht es zurück in die Vergangenheit und dem Bericht im August 2019). Hier hatte ich mein erstes Frühstück in Huacao, wie der Stadtteil heißt, in dem wir leben.




Ein paar andere Bilder sind Teil einer weiteren Ausstellung, die momentan läuft. Einer der Kuratoren ist durch Instagram auf meine Bilder aufmerksam geworden (ein.Tag.ein.Bild). Und eines meiner Bilder hat es sogar in den Katalog geschafft (und ich wieder ins Fernsehen – klicke hier)

Eine Achterbahn ist momentan eine gerade Strecke, verglichen zu den Gedanken und Gefühlen, die in mir stattfinden. Es gibt Tage, an denen kann ich mir so gar nicht vorstellen, diese Stadt zu verlassen. Es gibt so viele Dinge noch zu entdecken – wie den Reitstall auf Etage 9 eines Einkaufszentrums mitten in der Stadt.



Wer nicht. reiten möchte, der kann sich einen privat Room mieten und seine Party dort feiern oder mit Freunden dinieren. Und auch der Buchladen in der Shopping Mall ist sehenswert.




Vor kurzem bin ich auch endlich wieder in der Natur gewesen. Oft findet man ja nur asphaltierte Wege mit Begrenzungen vor, aber es gibt auch die Hügel mit Teeplantagen, die nicht von Menschenmassen überschwemmt werden. Etwa 50 Minuten von uns mit dem Auto entfernt ist man auf dem Land und kann Kilometer durch die Wälder streifen.


Und natürlich wäre es nicht China, wenn nicht ein paar kleine Überraschungen auf dem Weg wären.
Eine solar betriebene Ladestation fürs Handy… mitten im „Nirgendwo“ die gab es relativ regelmäßig auf dem Wanderweg.
Nach rund 10 Kilometern Marsch brauchten wir ein Pause und wurden am Seeufer fündig. Durch kleinere Gässchen, vorbei an Teebauern und Häusern, deren Türen mit seltsamen Dingen dekoriert sind, kamen wir zu einem Restaurant mit Jachthaften. Immer einen Überraschung hinter der nächsten Kurve.






Es tut gut, sich wieder ohne Sorge, plötzlich wieder in einen Lockdown zu gehen, bewegen und reisen zu können. Einfach ins Auto, die Bahn oder den Flieger steigen und an einen anderen Ort zu fahren. Und so hat es mich auch für ein Wochenende nach Peking verschlagen, Hier herrscht eine komplett andere Atmosphäre, als in Shanghai. Schwer zu beschreiben. Unter anderem sind viel weniger Menschen dort, die sich gegenseitig fotografieren und Selfies machen. Sogar in dem Kunstviertel, das in Shanghai von Menschen mit Kameras geflutet würde, sah man kaum jemanden, der Fotos machte (ok., mich ausgenommen).




Zurück in Shanghai wurde ich in eine noch andere Welt gesogen. Etwas verrückt sahen auch die Leute aus, die auf die Com-Messe in Shanghai gingen. Eine Menge Cross-Player und Menschen, die anscheinend sehr viel Spaß am Verkleiden haben (ein wichtiger Moment bei der ganzen Sache scheint ein Stuhl zu sein und junge Männer in Frauenkleidern).






Das bunte Leben wird mir fehlen, die Eindrücke, das Skurrile, wie zum Beispiel die Frösche, die man momentan überall in der Stadt sieht.



China ist im Amphibien-Fieber: Überall im Land gehen derzeit Menschen in Froschkostümen auf die Straße, um zu tanzen, Stunts zu vollführen – oder sich einfach mal so zu benehmen, wie es die sozialen Normen sonst nicht zulassen. Designt hat das Kostüm eine arbeitslose Kunststudentin aus Nanjing, die selbst damit auf der Straße Spielzeug verkaufte, in den Sozialmedien viral ging. Und das zeigt eben auch sehr gut: in China sind nicht alle uniform.

Werde demnächst die informativen und beeindruckenden Berichte vermissen.
Herzlichen Dank.
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Vielleicht gibt es ja ein paar neue Entdeckungen aus Europa – und im Oktober bin ich ja wieder hier – dann gibt es ein Update. Schön, dass es Spaß gemacht hat, mit nach China zu kommen 🙂
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