„Steht auf! Ihr Menschen, die ihr keine Sklaven sein wollt!“ Das ist die erste Zeile der chinesischen Nationalhymne. In der vergangenen Woche „konnte man die Zeile beim chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo plötzlich nicht mehr als Hashtag aufrufen. Die Zensur hatte die Schriftzeichenkombination blockiert. Denn Internetnutzer hatten die Hymne verwendet, um ihrem Ärger über die Corona-Restriktionen Luft zu machen“ schreibt der SPIEGEL in einem m.E. sehr guten Artikel, der die Situation in Shanghai treffend wiederspiegelt.
Die Nerven liegen blank bei der Bevölkerung. Posts auf Wechat verschwinden nach wenigen Minuten – mittlerweile machen sich Leute einen Sport daraus, sie immer und immer wieder zu posten. Es wird für alle mehr als surreal. Regionen werden weiter abgeriegelt, immer wieder tauchen neue Fälle auf – und keiner weiß warum. Bei einer Freundin im Haus wurde nun eine alte, alleinlebende Dame nach 40 Tagen Lockdown positiv getestet.



In den Medien wird eifrig berichtet, dass Lieferungen desinfiziert werden. Die Fahrer machen einen PCR Test und 2 Selbsttests pro Tag. Und das ist nicht das einzige Commitment. In unserer Nähe gibt es eine Farm, die uns mit Obst und Gemüse versorgt. Unzählige freiwillige Helfer arbeiten hier, bestellen selber Dinge wie Mehl, Wasser, Zucker etc., um sie anzubieten, erhalten nachts Lieferungen, sortieren und nehmen Bestellungen an. Sie schlafen in den Räumen der Farm und haben es noch gut. Manch andere Fahrer sind da ganz anders untergebracht.


Von unseren Freunden Yves und Ines, die als einige wenige Freigang haben, werden wir regelmäßig mit Bildern und Geschichten aus der Innenstadt versorgt. Ihr alleinstehender chinesischer Nachbar gibt Ihnen seine Lebensmittellieferungen und Yves – ein begnadeter Koch – versorgt ihn mit den fertigen Produkten. Sie tauschen Curry gegen Rum & Marmorkuchen, Ingwer gegen Spülmittel, Brot gegen Tomaten…. und halten mit Freunden, die noch in ihrem Compound festsitzen ein Schwätzchen am Zaun (natürlich unter Einhaltung des vorgeschriebenen Abstands).



Auch in anderen Wohnanlagen werden die Leute kreativ bei der Nachbarschaftshilfe. Eine andere Bekannte berichtet, dass der Aufzug ihres Hauses sich in eine Tauschbörse verwandelt hat. Jeder legt das rein, was er nicht benötigt und kann sich das nehmen, was er mag.



Unsere Bestell-Gruppe hat auch ab und zu Erfolg, und die Tage gab es sogar Baguette und Croissants vom Bäcker des Viertels, der anscheinend seine Arbeit begrenzt wieder aufnehmen darf. Nicht nur, dass die Croissants super lecker und das Baguette köstlich sind, auch ist es ein Zeichen: es geht voran! Ein bisschen Normalität schleicht sich ein! Und das tut auch der Seele gut!

Einige Bekannte verlassen gerade das Land. Viele Lehrer der Schule sind in der vergangenen Woche nach Amerika geflogen – nach den Sommerferien sollen sie wiederkommen. Bis dahin ist Distance-Learning für die Schüler eh Alltag.
Im WeChat (chinesisches Whatsapp) bilden sich Ausreisegruppen. Die Gruppen für Mai, Juni und Juli sind voll (pro Gruppe können maximal 500 Leute aufgenommen werden). Wir haben eine Gegen-Gruppe „Sommer in Shanghai“ aufgemacht – für die „Tough-Cookies“ – wir sind schon 71….Allerdings werden auch ein paar Bekannte schon weg sein, wenn die Türen sich öffnen. Das ist schade – für die Ausreisenden und auch für uns. Kein echter Abschied. Manche verlassen China nach mehr als 10 Jahren.

Am meisten belastet haben mich zwei Situationen bis dato in diesem Lockdown. Einmal, als einfach mal so verlängert wurde und es nicht klar war, wo wir unser Essen herbekommen (obwohl zu diesem Zeitpunkt der Kühlschrank noch gut gefüllt war). Wir hatten vorgesorgt, aber was tun, wenn es nicht reicht? Meine mir bekannten Bestelladressen waren geschlossen, man konnte nur in Gruppen und in Riesenportionen bestellen und alles auf Chinesisch. Diese persönliche Krise dauerte einen Tag. Dann waren – wie ja schon berichtet – unsere Nachbarn zur Stelle, brachten Dinge vorbei, bestellten für uns mit oder nahmen mich in ihre Gruppen auf. Die Lage entspannte sich und der Kühlschrank füllte sich konstant (naja, Käse wäre mal gut, aber den kann man momentan nicht bestellen). Dennoch gibt oder gab es ausreichend viele Menschen, die nicht in der glücklichen Lage waren und sind – und einige, die echt Hunger leiden – das einer der modernsten Städte der Welt. „Hast Du genug zu essen?“ ist eine gängige Frage, wenn man sich mit Freunden austauscht.
Zum anderen war die etwas länger andauernde Belastung die Tatsache, dass Notaufnahmen Menschen ohne PCR Test nicht aufnahmen und Menschen quasi vor den Krankenhaustüren starben. Was würde passieren, wenn jemand von uns in eine Notsituation kommt? Was, wenn man zum Zahnarzt muss, sich nicht lebensbedrohlich verletzt, aber einen Arzt braucht?
Zum Glück wurde vor ein paar Tagen diese Regelung aufgehoben und die Notaufnahmen müssen jeden aufnehmen – scheinen es auch zu tun.
Im Nachbarcompound hat die künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle übernommen und ein autonom fahrender Bus verteilt nun die Ware (Kontaktminimierung ist hier das Ziel). Tom, der dort wohnt, beobachtet die Lage vor Ort. Wie genau es funktioniert und wie man erfährt, dass man etwas bekommt, berichte ich dann im kommenden Blog.

Ich beneide Euch nicht. Wenn wir uns dann irgendwann endlich mal wieder treffen, bekommst Deine ganz eigene Käseplatte von mir. Versprochen!
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Darauf freue ich mich schon jetzt – doppelt!
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….😊 den Gedanken an die persönliche Käseplatte hätte ich auch
Ansonsten….es fehlen die richtigen Worte
Feste Umärmelung
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🌹🥰
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Ja, unglaublich…haltet durch und passt gut auf Euch auf! Es ist echt beunruhigend, was so berichtet wird- seriöse Quellen wie z.Bsp. Tagesschau und Weltspiegel versteht sich. Ich schicke Dir ganz viele flusige good vibes 🤗und hoffe, dass der Lockdown Spuk bald ein Ende hat. Herzliche ❤️Grüße, Kirsten
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die flusigen good vibes sind angekommen – vielen Dank 🙂 Heute sollte noch mal ein Massentest stattfinden – ist nun ausgefallen wegen Regens… feucht is es draussen noch nicht….
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