Lockdown-Roulette

Morgen öffnen sich die Tore… aber nicht für Euch, denn es gibt wieder neue Fälle im Distrikt. Die ersten 15 Millionen Shanghainesen (von rund 25 Millionen Einwohnern) sind vom Lockdown befreit – nur dürfen sie ihre Wohnungen nicht verlassen (weil es in der Umgebung neue Fälle gibt). Fakt ist also: die meisten sind weiter im Lockdown.

Wir haben vermutlich eine Verlängerung von 14 Tagen Lockdown „gewonnen“, denn in dem Compound direkt gegenüber von uns gab es wieder Personen, die positiv getestet und vorgestern in ein Quarantäne-Hotel gebracht wurden. Sie hatten „Glück“ und die Zimmer sind einigermaßen sauber.

Fast alle Hotels in Shanghai sind momentan gut belegt – wenn auch nicht mit freiwilligen Gästen. So auch das Shangri-La – es ist eigentlich ein Luxushotel mit Kart-Bahn in der zweiten Etage und Wellenmaschine im Pool (welche natürlich momentan nicht genutzt werden können). Jetzt ist es ein Quarantäne-Hotel mit 1000 Zimmern und Essen von der Regierung. Von den über 1000 Personen Personal sind 28 im Einsatz – der Rest ist im Lockdown.

Eine Frau hat vor einem Krankenhaus ihr Kind zur Welt gebracht, weil sie keinen gültigen PCR Test vorweisen konnte und deshalb nicht aufgenommen wurde.

Wir haben heute den zweiten Monat Lockdown abgeschlossen. Am 6. März haben wir das letzte Mal den Compound verlassen. Die Tage zähle ich seit dem 53 Tag nicht mehr – deprimiert nur. Wann meine Waschmaschine repariert wird? Ich habe keine Ahnung.

Eine Bekannte konnte heute wieder in ihre Wohnung zurück. Sie war nach 20 Tagen Heimquarantäne positiv getestet worden. Wie es dazu kommt, dass Menschen infiziert werden, obwohl sie ihr Areal nicht verlassen? Man vermutet, dass es bei Massentests oder durch Warenlieferung passiert. Genaues weiß man aber nicht. Am 27 April schrieb sie mir: „ich wurde positiv getestet und werde gleich abgeholt“. Ihr drohte die Massenunterkunft. Mit etwas „Glück“ kam sie dann doch in ein Container-Dorf. Sie hatte ein „Zimmer“ mit ihrem Mann, eine eigene Toilette und Dusche.

Die Nerven liegen bei den meisten blank. Immer mehr unserer Bekannten verlassen das Land. Einige wollten eh in diesem Sommer ausreisen und haben nun den Umzug vorgezogen, andere ziehen die Reißleine. Einen echten Abschied gibt es nicht! Man hat das Gefühl, dass Shanghai leer sein wird, wenn wir wieder raus dürfen (was natürlich nicht stimmt, denn die paar Tausend Ausländer, die es in ihre Heimat verschlägt, machen bei +/- 25 Millionen Einwohnern keinen Unterschied).

Irgendwie ist die Luft raus. Man könnte so viele Dinge erledigen: aufräumen, Papiere sortieren, Kleider ausmisten. All das, was man sich vornimmt: „wenn ich mal Zeit habe“. Nun habe ich die Zeit, aber keine Lust, keine Motivation – so geht es den meisten. Und alle verbringen viel zu viel Zeit am Handy – entweder, um Essen zu suchen und zu bestellen, oder um zu sehen, was vor der Haustüre geschieht. Manchmal sind es nette Sachen, wie zum Beispiel, dass Friseure im Lockdown ihren Nachbarn die Haare kostenfrei schneiden:

….oder der Werdegang von „Speedy“, eine Schnecke, die einer chinesischen Bekannten durch die Nahrungslieferung der Regierung „zugelaufen“ ist und nun schon eine Fangemeinde hat.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich befinde mich in der „Truman Show“ (Die Truman Show ist ein TV-Klassiker auf der ganzen Welt. Seit seiner Geburt ist Truman Burbank der Hauptdarsteller der Serie, ohne es überhaupt zu wissen. Produzent Christof entwarf eine künstliche Welt, in der Truman von über 5000 Kameras 24 Stunden am Tag beobachtet wird. Um die Fassade nicht zum Einstürzen zu bringen, sind seine Frau, Freunde und Verwandte allesamt Schauspieler. In Folge 10909 kommt es jedoch zu diversen versehentlichen Vorfällen, die Truman misstrauisch werden lassen.)

Der Autor der Geschichte hat sich allerdings eine Menge mehr einfallen lassen für den Film „Lockdown Shanghai 2022“ (klick auf die Bilder, um die Filme dazu zu sehen):

Vor ein paar Tagen hatten wir ein kleines Highlight! Wir konnten fertiges Essen bestellen! 55 Minuten hat es gedauert – vom Aussuchen bis auf den heimischen Teller . Neben der Kochpause für mich gab es so auch einen Hauch an „Normalität“:

Das tat mal gut – denn einen Tag vorher hatten wir wieder einen Gruß von der Regierung erhalten. Ich weiß, dass es sich undankbar anhört, und in anderen Teilen dieser Erde würden Menschen gerne unsere Situation auf sich nehmen und gegen ihre tauschen. Trotzdem wurde der Karton in unserem Haus nicht mit Jubel empfangen:

Morgen mache ich aus den scharfen Paprika eine Salza, dann traue ich mich an den Wasserbambus (die drei langen Dinger rechts). Die Pilze, Pak Choi und die – mit einer Art Fleisch gefüllten – Teigtaschen habe ich den Angestellten des Parks geschenkt. Ja, und wir haben Mehl (das konnte ich bestellen), Reis (der kam im 5 kg Sack am nächsten Tag) und Öl (wer will, dem kann ich ja ein Fläschchen geben, wenn er nach Shanghai in den Lockdown kommt). Was man aus dem Tofu und den einzeln eingepackten Eiern machen kann, muss ich noch recherchieren.

Auf jeden Fall freue ich mich schon auf die Zeit, wenn ich nicht mehr an den sogenannten Bulk-Buys teilnehmen muss, und die Mindestmenge an Eiern (zum Beispiel) nicht meinen „Jahreskonsum“ übersteigt.

(Bulk-Buys sind Gruppenkäufe, für die man viele Leute aus dem Compound finden muss, um riesige Packungen zu kaufen. So zum Beispiel bei den Eiern: Wir mussten 1000 Eier auf einmal abnehmen, um überhaupt den Zuschlag zu erhalten -zum Glück waren wir immerhin 11 Familien, die sich am Kauf teilten).

  1. So meine Liebe, jetzt rück mal bissel zur Seite dass ich mich neben dich setzten kann und dich gaaaanze feste drücken kann…..

    Liebesgrüßle

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  2. Oh, das klingt wirklich sehr deprimierend. Ich lerne: Während Corona ist der ländliche Raum die bessere Wahl. Schicke euch gaanz viel Kraft… Meditieren hilft wahrscheinlich am ehesten. Habt ihr es versucht? Alles wird wieder gut!!!

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