Warten auf Godot

Das Theaterstück von Samuel Beckett gilt als Inbegriff des absurden Theaters und der Begriff wird genutzt, wenn man sich langweilt, keinen Plan (mehr) hat, das Ersehnte einfach nicht eintrifft oder alles absurd erscheint. Zur Zeit warten rund 26 Millionen Menschen in Shanghai und rund 300-400 Millionen Menschen in China auf ihn.

Auch in Peking steigen die Zahlen (Büros, Schulen, Restaurants und Einkaufszentren sind geschlossen) und es wird getestet bis zum Abwinken. Viele der Ehrenamtlichen versuchen, ein bisschen positive Stimmung in den Alltag zu bringen. Das Foto hat eine Bekannte einer Freundin in Peking geschossen.

Zur Erinnerung: ich habe unseren Compound das letzte Mal vor knapp 10 Wochen verlassen (überleg mal, was Du am 6. März gemacht hast. Ich weiß noch genau, wo ich war: das letzte Mal außerhalb  unserer Wohnanlage). Am 1. April ging der westliche Teil Shanghais in den (voraussichtlich fünftägigen) Lockdown – Pudong im Osten war ein paar Tage vorher schon geschlossen. Seit dem drehen wir uns im Kreis. Manchmal dürfen Menschen auf die Straße, manchmal in den Compound, manche sitzen seit dem 1. April auf engem Raum und kommen lediglich zum Testen raus. Manche Menschen haben Tage/ Wochen in Massenunterkünften oder in Quarantänehotels verbracht. Manchmal wurden einfach die Lebensmittelbestellungen für ein paar Tage eingestellt, manchmal kommt ein „Love Paket “ von der Regierung (Care-Paket).

Das ist die Lieferung von Vorgestern- wie lange sie halten muss? Keine Ahnung.

Einige unserer Nachbarcompounds sind Anfang der Woche in den „Silent Modus“ geschickt worden. Das heißt, die Bewohner dürfen ihre Wohnungen/ Häuser erneut nicht mehr verlassen und können keine Lebensmittellieferungen bis Ende der Woche erhalten. Eine ausreichende Vorwarnung gab es nicht.

Dafür mehren sich die Meldungen: bald wird es besser. Wann immer bald und was immer besser sein wird, werden wir dann sehen. Aber Shanghai bereitet sich auf etwas vor.

Überall werden anscheinend solche Teststellen aufgebaut, denn, um in Supermärkte zu gehen, Shopping Malls, Schulen und zur Arbeit man wird einen PCR Test vorzeigen müssen. Es wird wohl ein Multi-Millionen -Dollar-Infrastrukturprojekt. Angeblich soll jeder Bewohner der betroffenen Städte eine solche Teststelle im Umkreis von 15 Minuten zu Fuß erreichen können.

Und anscheinend wird die Innenstadt aufgehübscht, wie eine Bekannte beobachtete. Ob es für den, im Juni vermuteten, Besuch des chinesischen Präsidenten sein soll, oder für die Shanghainesen, die vielleicht bald wieder mit Autos, Fahrrädern und Mofas durch die Stadt fahren werden… das wird sich zeigen.

Mobile Teststationen Downtown – Foto von einer Bekannten

Bis der Lockdown aufgehoben wird, drehen wir in unsrem Compound die Runden. Quinley setzt sich auch mittlerweile nicht mehr vors Ausgangstor. Selbst er hat verstanden, dass es zwecklos ist und hat sich mit der Lage abgefunden. Der Ausflug in den Rosengarten ist schon ein Highlight des Tages. Für mich ist dieser Teil unserer Wohnanlage ein Sinnbild für China (zumindest für das China, das ich kenne): wohlduftende Rosen, nicht ganz perfekt beschnitten, etwas Wildkraut dazwischen, im Hintergrund eine Autobahn (auf der normalerweise die Autos Stoßstange an Stoßstange stehen – zur Zeit alles leer ist), eine Stromstation, davor ein Schrebergarten und ein (links) anschließendes Wohnviertel der Mittelschicht.

Aber wir haben nicht nur tolle Rosen im Compound, sondern auch die besten Nachbarn! Bei meiner Suche nach Spülmaschinen Tabs kam ich mit einem Bekannten in einer WeChatgruppe „ins Gespräch“ und erwähnte, dass meine Waschmaschine seit Wochen nicht mehr funktioniert. Es ist eine Gruppe, in der Menschen, die in meinem Stadtteil Huacao leben, verbunden sind – so auch eine Bewohnerin unseres Compounds. Sie schrieb mich an und teilte mir mit, dass sie eine Ersatz-Waschmaschine habe und diese mir gerne zu Verfügung stellen würde. Und so habe ich seit Montag endlich wieder Zeit, andere sinnvolle Dinge zu tun, während die Maschine für mich wäscht. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich den Sound des Wassers, das in die Maschine fließt und den der sich drehenden Trommel genossen habe. Ich hätte nie gedacht, dass eine Waschmaschine solche Emotionen in mir wecken kann.

Natürlich musste ich die frohe Botschaft direkt einigen Bekannten und Freunden mitteilen. Dabei kam heraus, dass ein Freund seit Mitte März ohne Warmwasser ist….Aussicht auf Reparatur? Klar, wenn alles wieder besser wird.

Bis dahin werden wir wohl weiter unsere Touren durch den Compound machen, dem Minischwein in einem Nachbargarten „Hallo“ sagen, Joghurt selber machen, Salsa aus den scharfen Paprika der Carepakete zaubern, unseren Galgenhumor erhalten (das Unwort des Jahres in einer Gruppe Deutscher, wir tauschen Rezepte für die Inhalte der Pakete, ist: Regierungs-Rettich – weil in jeder Lieferung neben Pak Choi meist auch ein riesiger Rettich liegt), machen Apfelmarmelade (schmeckt übrigens super gut und benötigt keinen Gelierzucker oder Pektin) und freuen uns über kleine, liebevolle Gesten im Alltag.

Dieser Pekinese scheint sich jeden Tag einen neuen Spruch auszusuchen. Ich finde, er versprüht direkt gute Laune!

  1. Danke dass du uns hier auf dem „laufenden“ hältst.. aaaaber es GEFÄLLT MIR NICHT! was ich da lese…Ganz viel Galgenhumor wünsche ich euch!!
    Feste Umärmelung für euch

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  2. Liebe Alex,
    auch hier erreichte uns die frohe Kunde, dass Shanghai „vorsichtig lockern will“ – was auch immer das heißen mag. Wir drücken Dich und die Daumen, dass es bald wenigstens mit Tests (was für ein Aufwand?!) irgendwie weiter geht.
    Wie schön, dass eine Waschmaschine wieder für Euch läuft… quasi „Wenn dat Trömmelschen dreht, die Alex freudig strahlt 🤣😉😃! “ Gemäß eines weiteren Karnevalslieds wünsche ich Euch im Herzen Sonnenschein und schicke ganz liebe Grüße, Kirsten

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    1. Liebe Kirsten! Oh ja, dat Trömmelsche is ne jute Kerl 🙂
      Gelockert wird wie beim Igelkuscheln: GAAAAANZ vorsicht – und bei uns anscheinend ab Donnerstag – eine Person per Haushalt für eine Stunde… Ich werde berichten! Alles Liebe

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