Wie nach einem abstrusen Traum

Knapp zwei Monate sind wir nun schon wieder in Shanghai – verrückt. Die Zeit rast nur so, wie immer, aber hier in China kommt sie mir nach wie noch schneller vor.

Dennoch erinnere ich mich noch sehr gut an den ersten Morgen, den ich nach der Quarantäne im eigenen Bett daheim aufgewacht bin. Die Sonne kitzelte auf der Nase, Vögel zwitscherten im Garten und der Hund bellte unten, weil er den Brötchenlieferanten an der Tür hörte. Ich hatte das Gefühl, ich wäre nach einem absolut verrückten Traum aufgewacht und müßte meiner Familie sofort davon erzählen: „Wir haben für ein paar Monate das Haus nicht verlassen dürfen, wurden von der Regierung mit Care-Paketen versorgt und sind dann für ein paar Wochen nach Europa geflogen, um davon eine Auszeit zu nehmen“. Noch absurder war die Sekunde danach, als ich wieder realisierte, dass das alles gar kein Traum war.

Diesmal war das Tor geöffnet und wir konnten einfach herausspazieren

Das Gefühl kam ab und zu wieder: beim Spaziergang mit dem Hund, Einkaufen, Treffen mit Bekannten. Fast alles war so wie vor dem Lockdown. So müssen sich Menschen fühlen, die nach einem Koma aufwachen. Man weiß, die Zeit ist weiter gegangen, doch für einen selber hat sie einen Sprung gemacht – schwer zu beschreiben.

Dafür hat uns der Alltag dann allerdings sehr schnell wieder eingeholt nach den drei Tagen Heimquarantäne, die sich an die Hotelquarantäne noch angeschlossen hatten. Danach ging es mit Volldampf wieder weiter.

Hallo Alltag – Einkaufen bei Costco

Am ersten Abend der „Freiheit“ hatten wir uns mit Freunden in einem Restaurant verabredet. Voller Spannung ging es in die Innenstadt. Wie hat sich Shanghai wohl verändert? Gar nicht – also fast gar nicht, denn einige Geschäfte haben es nicht durch die Lockdown-Monate geschafft und mussten schließen. Rund 30 Prozent derer, die aus anderen Städten kommen und in Shanghai eine extreme Zeit hatten, sind ihn ihre Heimatstädte/ -dörfer dauerhaft zurückgegangen, Servicekräfte fehlen auch hier. Als wir aus dem Auto stiegen kam uns eine Gruppe Jogger ohne Masken entgehen. Andere schlenderten an ihrem Freitagabend durch die Gegend, ein Hund hob das Bein am Laternenmast. Wieder das Gefühl „der Moment nach einem Traum“ .

Selbst in Shanghai gibt es einen Schluck „Heimat“

Aber das Thema Lockdown, die langsame Wiederöffnung der Stadt, die doch sichtbaren Folgen und die persönlichen Erlebnisse sind immer wieder Thema in den Gesprächen während des Essens und auch beim Grillabend mit Freunden in unserem Garten. Jeder hat seine eigene Geschichte mit kuriosen Erlebnissen, eindrücklichen Momenten und Sorgen.

Foto einer Bekannten in der Grundschule

Schulstart war der 1. September und die Schüler waren für eine kurze Zeit glücklich darüber, wieder vor Ort zu sein (bis der Alltag des Lernens eintrat). Dienstreisen gehören zum Arbeitsalltag und ich gehe wieder auf Entdeckungstouren. Die PCR-Tests sind Teil des Alltags – in den Schulen täglich, ansonsten alle 2-3 Tage. Zum Glück haben wir eine Test-Box direkt vor dem Ausgang unseres Compounds. Der Prozess ist optimiert: QR Code zeigen, Mund auf, Stäbchen rein, fertig. Rund fünf Stunden später ist das Ergebnis da – und die Erleichterung, wenn der Code grün ist – gerade momentan, denn es treten wieder vermehrt Fälle auf und einzelne Wohneinheiten werden wieder für ein paar Tage geschlossen.

Bis Anfang der Woche war das Wetter noch klasse: 37 Grad – Sommer! Dann stürzte die Temperatur auf 18 Grad und Regen…. Aber es soll wieder besser werden. Es scheinen die Ausläufer der Taifune und anderer Kaltwetterfronten gewesen zu sein.

Ich brauche schönes Wetter, denn ich habe noch so viel zu entdecken. Wie zum Beispiel diese Wasserstadt, in der ich unter anderem die unten stehenden Bilder gemacht habe. Sie liegt etwa eine Stunde westlich von Shanghai in einer anderen Provinz. Und die Menschen haben teilweise ganz andere Gesichtszüge – eher ins Japanische gehend.

Allerdings waren wir die Attraktion der Stadt: Westler. Immer weniger von uns sind hier zu sehen und da kommen Menschen dann schon mal zusammen und fotografieren uns. Das finde ich klasse! Nicht, dass ich drauf aus bin, bei ihnen auf dem Handy zu sein, aber es gibt mir die Erlaubnis, befreiter von anderen Menschen Fotos zu machen.

Es ist schön, wieder in Shanghai zu sein, aussergewöhnliche Restaurants zu besuchen und zu sehen, wie sich die Stadt auf die Golden Week vorbereitet. Eine Woche Stillstand. Ich liebe dieses Zeit! Eine Woche, in der jemand auf den Slow-Motion-Knopf drückt. Die Straßen sind leer, die Menschen scheinen durchzuatmen, zu genießen und sich auf die Treffen mit Freunden und Familie vorzubereiten.

  1. Schön, dass ihr wieder gut angekommen seid in China. Liest sich wirklich wie ein Traum. Schön wäre es, wenn wir alle kein „traumatisches“ Erlebnis davon tragen und irgendwann sogar unseren Enkeln mit einem Schmunzeln davon erzählen. In diesem Sinne wünsche ich dir jetzt eine gute und vor allem wieder bessere Zeit in Shanghai!

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    1. Ich freue mich schon auf die Enkelzeit! Dann kann ich sie mit meinen Geschichten aus China nerven 😁 Aber ersthaft… Ja, ich kann es nur unterschreiben, was Du da „sagst“ und hoffe, dass die Welt bald wieder etwas runder wird. Leider ziehen die Zahlen und Maßnahmen hier gerade wieder an…

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  2. Wäre doch alles nur ein verrückter Traum….
    Auch hier hält der Herbst Einzug und die gemütliche Zeit beginnt..Ja, ich weiß du bist ein Sommermädchen..
    Wünsche dir ganz viel Spaß bei deinen neuen Entdeckungen..
    Und freue mich schon sehr auf neue Berichte auf dem Blog

    Liebesgrüßle aus Duisburg

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  3. Wie schön von Euch zu hören, dass Ihr Quarantäne und Co. überstanden habt. Ich hoffe sehr der Erholungseffekt des Urlaubs in Europa war nicht gleich wieder zunichte gemacht…
    Ich drücke die Daumen für schöneres Wetter, damit Du noch viel erkunden und uns mitnehmen kannst!
    Fuselige Grüße, Kirsten

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